minimulisTouren · Tracks · Berichte

← Alle Berichte

Berounka: drei Tage Fluss in Tschechien

06.08.2026

Pfingsten 2026, drei Nächte am Wasser, zwei Packrafts und vier Füße. Warum das enge Tal der Berounka genau deshalb so geblieben ist, wie es ist.

Ein Platz im Schatten

Kemp Branov, gut zwei Stunden hinter der Grenze. Wir standen drei Nächte dort, etwa 20 Euro die Nacht, der Bus (unser MuliMotion) direkt am Ufer — und das war der eigentliche Glücksgriff: ein Platz im Schatten. Die anderen Plätze an der Berounka liegen fast alle offen in der Sonne. Bei der Hitze an diesem Pfingstwochenende war das kein Detail, sondern der Unterschied zwischen aushalten und genießen.

Der Bus mit ausgefahrener Markise am Ufer der Berounka

Der Platz wird nur am Wochenende bewirtschaftet. Ab Sonntagnachmittag waren wir fast allein — an Pfingsten. Wer Trubel sucht, ist hier falsch. Wir suchten keinen.

Feierabend auf der Campwiese, ein Bakalář aus Rakovník

Der Trick: hin zu Fuß, zurück auf dem Wasser

Packrafting löst ein Logistikproblem, das jeder kennt, der schon mal mit dem Kanu unterwegs war: Wie kommst du zurück zum Auto? Zweites Fahrzeug, Shuttle, Bus. Alles Aufwand.

Unsere Antwort war simpel. Eine Richtung läufst du, die andere paddelst du. Das Boot trägst du ohnehin auf dem Rücken.

Morgens am Fluss: Espressokocher auf dem Gaskocher

Samstag, 10:24 Uhr. Packraft im Rucksack, los. Wir sind 9,3 Kilometer flussaufwärts gewandert, die meiste Zeit am Ufer, teils über Wiesenwege unter alten Weiden.

Uferpfad unter alten Weiden

Die Hermína

Nach knapp zwei Kilometern ist Schluss mit Uferweg — er wechselt die Seite. Was dann kommt, hat keinen Fahrplan und keinen Automaten: eine flache blaue Zille, auf dem Rumpf steht Hermína. Ein älterer Mann stakt sie barfuß herüber, mit einer Stange, die länger ist als das Boot breit. Bezahlt wird mit einer freiwilligen Spende.

Die Hermína, der Fährmann stakt sie über den spiegelglatten Fluss

Einsteigen am Steg, die Packrafts auf dem Rücken

Wir sind eingestiegen, ohne zu ahnen, worüber wir da fahren.

Der Přívoz Branov-Luh – Nezabudice ist keine gewöhnliche Fähre. Von 1928 bis 1944 setzte hier Karel Prošek über — der Fährmann, den Ota Pavel in seinen Erzählungen von der Berounka verewigt hat. In Prošeks Haus ist heute die Gedenkstube des Schriftstellers, und einer der Fährleute von heute ist Václav Prošek, sein Enkel.

Das haben wir alles erst hinterher erfahren. Vielleicht ist das die richtige Reihenfolge.

Beim Kundschafter

Weiter zum Hostinec „U Rozvědčíka" — „Beim Kundschafter". Weißes Haus, Biergarten unter alten Linden, drinnen ist es kühl.

Der Hostinec U Rozvědčíka mit seinem Biergarten unter den Linden

Die Karte hängt nicht an der Wand, sie ist die Wand: in Holzlatten gebrannt. Rindfleischbrühe mit Nudeln 65 Kronen, Kartoffelsuppe 65, Gulasch mit Knödeln 210, Svíčková 210, Obstknödel mit Quark 195. Daneben die zweite Tafel mit dem, was tschechische Wanderer wirklich brauchen: Wandermarke 55, Aufkleber 25, Landkarte 50, Postkarte 15.

Die Speisekarte, in Holzlatten gebrannt

Auch dieser Name ist keine Erfindung. Jaroslav Franěk, 1897 im Nachbardorf Nezabudice geboren, war im Ersten Weltkrieg Kundschafter — rozvědčík. Zurück in der Heimat stellte er an der Wegkreuzung erst eine Holzbude auf, in der es Bier, Rum und gelbe Limonade gab, und baute 1934 daneben das gemauerte Gasthaus.

Nach der deutschen Besetzung versteckte er hier Waffen für den Widerstand — bis hin zu einem Flugabwehr-MG. Die Gestapo verhaftete ihn. Am 1. Juli 1943 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Den Abschiedsbrief an seine Frau, wenige Stunden vorher geschrieben, kann man in Nezabudice sehen.

Und auch hier war Ota Pavel: Als Kind verbrachte er mit seinen Eltern die Sommer in dieser Gegend, und der Gasthof kommt in seinen Büchern vor. Heute ist er ein Fixpunkt für alle, die auf der Berounka unterwegs sind — Paddler, Radfahrer, Wanderer, Tramps.

Über die Felsen

Wer jetzt einen gemütlichen Uferweg erwartet, irrt. Hinter dem Gasthof verlässt der Pfad das Wasser und steigt in den Wald — von 245 auf 373 Meter, gut 120 Höhenmeter in einer knappen halben Stunde. Über die ganze Etappe kommen rund 190 Höhenmeter auf 9,3 Kilometern zusammen. Für einen Spaziergang am Fluss ist das ordentlich.

Der Pfad verlässt den Fluss und steigt in den Laubwald

Oben läuft man über einen Rücken aus Fels, der den Fluss unter sich einbettet. Und dann steht man an der Kante.

Der Blick von oben: Felstürme, eine Wiese, ein Gehöft — und dazwischen die Berounka

Hundertzwanzig Meter tiefer eine Schleife der Berounka, eine einzelne Wiese, ein Gehöft, dahinter Wald bis zum Horizont. Auf dem Wasser sind Boote zu sehen — als Striche.

Blick flussabwärts, die Boote nur noch Striche auf dem Wasser

Von hier oben sieht man, warum das Tal so geblieben ist, wie es ist: eng, bewaldet, die Straße meist weit weg vom Wasser.

Am Abbruch

14:34 Uhr, aufblasen. Die 7,2 Kilometer zurück dauerten dreieinhalb Stunden — gemächlich, mit Pausen auf den Kiesbänken.

Aus dem Boot: die Flussbiegung, das zweite Packraft voraus

Beine hoch. Mehr Programm braucht ein Nachmittag nicht

Sonntag: andersherum

11:25 Uhr, 5,5 Kilometer flussabwärts. Diesmal zuerst das Wasser.

Startklar am Kiesstrand: das olive und das blaue Alpacka

Unterwegs das Wehr mit der Slalomstrecke. Es war gesperrt und unbefahrbar — die Strecke wird nur zu bestimmten Zeiten geflutet. Also umtragen.

Das gesperrte Wehr mit der Slalomstrecke

Und genau hier zeigt das Packraft, was es kann. Du steigst aus, klemmst das Boot unter den Arm und gehst. Keine Luft ablassen, kein Aufpumpen, nichts zusammenlegen. Was bei einem Kajak, einem Kanadier oder einem schweren Gummiboot eine Aktion ist, sind hier ein paar Minuten Fußweg.

Für den Rückweg hatten wir die Buslinie 574 im Auge (Radnice–Liblín–Zvíkovec–Skryje– Křivoklát). Den Fahrplan hatten wir sogar fotografiert.

Der Fahrplan der Linie 574

Wir hätten warten müssen. Also sind wir die 4,7 Kilometer zu Fuß gegangen. Die Packrafts sieht dabei niemand — nach dem Einsatz verschwinden sie in den Rucksäcken.

Der Rückweg über den Waldpfad

Was auf den Tisch kam

Frühstück immer am Auto. Espresso, Spiegelei, Brot, dazu der Fluss zwei Meter weiter.

Frühstück unter der Markise, die Boote liegen schon bereit

Mittags und abends meist unterwegs eingekehrt. Am Camp gab es Borschtsch für 80 Kronen, Svíčková für 190, Pizza für 215 — mit Kreide auf eine Tafel geschrieben.

Die Kreidetafel am Kemp Branov

Nur am Sonntagabend haben wir selbst gekocht — der Platz war ab 15 Uhr nicht mehr bewirtschaftet.

Die Ausrüstung

Zwei Alpacka Rafts, die wir seit 2011 haben. Fünfzehn Jahre, und sie tun es immer noch. Dazu Carbonpaddel, die für Touren gut geeignet sind — für Wildwasser sind sie etwas zu lang.

Rund 6 Kilo pro Person, alles zusammen: Boot, Paddel, Packsack, Wasser, Handtuch. Das ist der ganze Aufwand, der zwischen dir und einem Fluss steht.

Křivoklát, aber montags

Auf dem Rückweg der Abstecher zur Burg Křivoklát, dem Wahrzeichen der Gegend. Montags geschlossen. Auch das gehört dazu.

Burg Křivoklát — von außen

Danach sind wir die Straße am Fluss entlanggefahren. Meist ist man dabei weiter weg vom Wasser — das Tal ist zu eng. Genau deshalb ist es so natürlich geblieben.

Lohnt sich das?

Ja. Nicht wegen spektakulärer Kilometer — 27 waren es an zwei Tagen, gemütlich verteilt. Sondern wegen der Kombination: ein schattiger Platz direkt am Wasser, ein Fluss, den man in beide Richtungen erschließen kann, und ein Tal, das für modernen Massentourismus zu eng ist.

Das Beste war die Natur vor Ort. Und dass wir sie ab Sonntagnachmittag fast für uns allein hatten.